[last update: 10.03.2001]

NACHRICHTEN: 2/2000


Text Acht Tote bei Zugunglück in Brühl / Streit um Sicherheit entbrannt
Bahn AG verteidigt ihr Konzept - Offene Fragen zu Lokführer-Ausbildung
Text Das Zugunglück von Brühl / Rätselraten und Ratlosigkeit
Viele Fragen nach der Unglücksursache - und nur wenige klare Antworten
Text Technische Bedingungen und Sicherungs-Systeme der Deutschen Bahn
Wie fährt man eine Lokomotive?
Text Interview: "Es fehlen uns überall Lokführer" / Mit Willi Becker sprach Norbert Kurth
Text Umleitungen / Bahn setzt zusätzliche Züge ein
Text Sichere Bahn
Text Wie eine Schweizerin versucht, das Geschehene zu überwinden, und wie die Menschen in Brühl um die Opfer trauern / Ein letzter Blick zurück nach vorn
Text Die Helfer von Brühl
Wenn das Erlebte nicht verarbeitet wird...
Text Nach Katastrophe von Brühl die ersten Toten identifiziert
Kein technisches Problem - Nur Lokführer kann Klarheit bringen
Text Debatte um Lokführer
"Es geht keiner schlecht ausgebildet auf eine Lok"
Text Eisenbahn-Bundesamt: Geschwindigkeitsbegrenzung von 40 km/st war noch in Kraft
"Signal muss befolgt werden, bis ein anderes es wieder aufhebt"
Text Strecke noch dicht
Ersatzverkehr oft mit großer Verspätung
Text Bürgermeister von Brühl will Konsequenzen
Generelles Tempolimit in Wohngebieten gefordert
Text Themen des Tages
"Diese Horrorbilder lassen mich nicht los"
Text Lok raste in das Wohnzimmer der Brühler Familie Rattay - Ihr Haus ist einsturzgefährdet
"Wir werden auch diesmal unbürokratisch helfen"
Text Noch vier Patienten auf Intensivstationen im Klinikum Merheim und in der Uni-Klinik
Mann schwebt weiter in Lebensgefahr
Text Katastrophe in Brühl bedeutet Großeinsatz für die Kölner Retter
Bergung der Opfer ging Helfern unter die Haut
Text Nach dem Unglück Eindrücke aufarbeiten
Holger Reiprich-Meurer ist Feuerwehr-Pastor und Koordinator für die Notfallseelsorge
Text Notarzt: Rettung klappte reibungslos
Text Zahl der Toten in Brühl auf neun erhöht
Text Die Katastrophe kam in der Nacht
Text Schwere Bahnunglücke in Europa
Text Schwere Zugunglücke in Deutschland
Text Zugunglück: 60 Retter aus dem Kreis halfen
Lokführer liegt im Euskirchener Marienhospital
Text Zugunglück in Brühl

[08.02.2000]

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Acht Tote bei Zugunglück in Brühl
Streit um Sicherheit entbrannt
Bahn AG verteidigt ihr Konzept - Offene Fragen zu Lokführer-Ausbildung

Brühl/Frankfurt - Einen Tag  nach dem schweren Zugunglück von Brühl mit
mindestens acht Toten ist die Diskussion um die Sicherheit
der Bahn wieder wie nach der ICE-Katastrophe von Eschede
voll entbrannt. Während Bundesverkehrsminister Klimmt
und Bahn-AG-Chef Mehdorn die Bahn als sicherstes Verkehrsmitel
verteidigten, forderten am Montag Gewerkschafter eine besser
geregelte Ausbildung von Lokomotivführern und den Abbau von
Überstunden. Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk setzen am
Montag die Durchsuchung und Bergung der zertrümmerten Waggons im
Bahnhof Brühl fort. Es seien keine weiteren Toten in den Trümmern
gefunden worden.

Die Polizei korrigierte die Totenzahl von neun auf acht. Ein Fahrgast
war am Montag noch in Lebensgefahr. Insgesamt lagen noch 46
Schwerverletzte in den Krankenhäusern. Die Aufräumarbeiten dürften
mindestens noch bis Mittwoch dauern. Die Suche nach den Ursachen
des Unglücks hielt gestern an. Zwar stand fest, dass der Nachtexpress
Amsterdam - Basel mit 122 statt der zugelassenen 40 Kilometer pro
Stunde auf den Bahnhof zugerast war.

Unklar blieb, warum der 28-jährige Lokführer zwar in einer Baustelle
vorschriftsmäßig abgebremst, dann aber viel zu früh wieder beschleunigt
hatte. Mark Wille, Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes, sagte, er sehe
keine technische Möglichkeit, wie der Zug von allein hätte
beschleunigen können. Die Untersuchung konzentriere sich deshalb auf
den menschlichen Faktor. Geklärt werden müsse allerdings, ob die
Anweisungen für den Lokführer eindeutig gewesen seien und welchen
Inhalt diese gehabt hätten.

Bahnchef Mehdorn wies jede Kritik an den Sicherheitsstandards der
Bahn zurück und bestritt einen Zusammenhang mit dem Personalabbau
bei der Bahn. "Es geht keiner schlecht ausgebildet oder übermüdet auf
eine Lokomotive, darauf können Sie sich verlassen", sagte er.
"Ausgefeilte und überwachte Dienstpläne" sorgten für eine rechtzeitige
Ablösung von Lokführern.

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) verlangte als Konsequenz
aus dem Unfall die Ausbildung zu überprüfen. Die Gewerkschaften
erklärten, nach dem Abbau von 120 000 Stellen in den vergangenen
vier Jahren sollten weitere 70 000 bis 2004 folgen. Dies werde
"problematisch für die Zuverlässigkeit in der Betriebsführung". Nach
Angaben der GdL schieben allein die Lokführer 245 000
Mehrarbeitstage vor sich her. (dpa,ap,EB)

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Das Zugunglück von Brühl
Rätselraten und Ratlosigkeit
Viele Fragen nach der Unglücksursache - und nur wenige klare Antworten

Von Norbert Kurth

Brühl - Die Ermittlungen laufen zwar auf Hochtouren, aber ständig
tauchen neue Fragen auf. Unklar ist zum Beispiel immer noch, ob der
Lokführer mit einer so genannten Langsamfahr-Anweisung, im
Fachjargon einfach "LA" genannt, ausgerüstet war. Während der in
Düsseldorf für Eisenbahn-Unfälle zuständige Staatsanwalt Johannes
Mocken erklärte, eine derartige Anweisung erhalte jeder Lokführer, sagte
der ermittelnde Kölner Staatsanwalt Johannes Krautkremer, seines
Wissens gebe es keine detaillierten Anweisungen über Baustellen für
Lokführer.

Die Ermittler müssen sich offenbar vortasten und wollen, so
Oberstaatsanwältin Regine Appenrodt, erst ein Gutachten des
Eisenbahn-Bundesamtes abwarten. Bis zur endgültigen Klärung der
Unfallursache kann also noch einige Zeit vergehen. Manfred
Pietschmann, Sprecher der Deutschen Bahn AG: "Die LA ist die Bibel
des Lokführers." Das Verzeichnis, das wöchentlich erneuert wird, enthalte
im Prinzip "alle Abweichungen von der Regelstrecke", so Pietschmann.
Hatte der Lokführer die Anweisung dabei? "Ich glaube nicht, dass er
ohne gefahren ist." Pietschmann hält es auch für ausgeschlossen, dass
der lange Bereich der Tempobeschränkung im Bereich Brühl nicht
verzeichnet war. Warum der Lokführer dennoch derart beschleunigt hat,
kann sich zur Zeit niemand erklären. Etwa zehn Züge hätten die
Baustelle am Abend passiert, so Pietschmann. "Da hat es keine
Probleme gegeben."

Der Bahn-Sprecher hält es für ausgeschlossen, dass ein Signal an der
Strecke nicht funktioniert hat. Ein Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks
hatte in der Pressekonferenz der Kölner Polizei gefragt, warum ein
bestimmtes Signal nicht ausgelöst habe. Pietschmann: "Die Signale
haben funktioniert, sonst hätte der Lokführer das Tempo zunächst nicht
vorschriftsmäßig auf 40 km/h reduziert."

Nach Darstellung der Bahn gab es im Bereich Brühl drei Signale: Ein
Vorsignal wies den Lokführer bereits vor dem Güterbahnhof - dort
befindet sich die eigentliche Baustelle - darauf hin, dass das nächste
Hauptsignal auf "Halt" stehen könnte. Daraufhin müsse der Lokführer die
Wachsamkeitstaste betätigen und den Zug binnen etwa zehn Sekunden
auf das vorgeschriebene Tempo abbremsen. Ein Kontakt überprüft, ob
der Lokführer die Anweisung befolgt: "Sonst gibt es eine
Zwangsbremsung." In diesem Bereich ist der Zug von der Regelstrecke
auf das Gegengleis gefahren - vorbei an der Baustelle. "D 203" hat
dann, etwa 800 bis 1000 Meter vor dem Bahnhof Brühl, ein Hauptsignal passiert.

Dieses Signal habe die Weiterfahrt mit 40 Stundenkilometer angezeigt,
"ZS 1" heißt das in der Sprache der Eisenbahner. Das bedeutet: Tempo
40 halten, bis zum nächsten Hauptsignal. Die Weiche an der Einfahrt
des Bahnhofes hat - folgt man der Logik der Bahn weiter - richtig
gestanden. Denn auf dem dritten Gleis steht das nächste Hauptsignal in
Fahrtrichtung Bonn. Dort wäre dem Lokführer der Wechsel zurück auf die
Regelstrecke angezeigt worden. "Erst wenn der Zug den Weichenbereich
vollständig passiert hätte, hätte der Lokführer beschleunigen dürfen."
Doch der Zug rauschte laut Fahrtenschreiber mit 122 Stundenkilometer
in die Weiche. "Als der Mann die Weiche auf sich zu rasen sah, hatte er
keine Chance mehr", sagen Experten.

Willi Becker, Bezirkssekretär der Gewerkschaft der Eisenbahner
Deutschlands (GdED), sagte am Montag: "Der Lokführer kann nicht
gewusst haben, wie die Weiche steht. Denn jeder Eisenbahner weiß dass
er da bei spätestens 70 Stundenkilometer herausfliegt." Der 28 Jahre
alte Lokführer hat bisher keine weiteren Aussagen gemacht. Die GdED
kritisierte zwar die kurze Ausbildungszeit (siehe Interview) für Lokführer
bei der Bahn, räumte aber ein, der Mann, der im Führerstand der
verunglückten Lok gesessen habe, verfüge über große Erfahrung. Anfang
der 90er Jahre habe er eine - damals noch 18-monatige -
weiterführende Ausbildung zum Lokführer bei der Deutschen Bahn
absolviert (mittlerweile wurde diese Zusatzausbildung, die sich an die
dreijährige Grundausbildung anschließt, auf sieben Monate reduziert).

Danach habe er bei der Häfen-und Güterverkehrs Köln gearbeitet und
sei auch auf längeren Strecken im Einsatz gewesen. Erst im August sei
er wieder zur Bahn AG gewechselt. Gegen 18.50 Uhr soll der Mann am
Sonntag seinen Dienst in Köln angetreten haben und in Richtung
Emmerich gefahren sein. Dort habe er den Zug etwa um 22.30 Uhr
übernommen.

Unterdessen hat der Vorstand der Bahn AG beschlossen, den früheren
Vizepräsidenten des Bundessozialgerichts, Professor Otto Ernst Krasney,
zum Ombudsmann zu berufen. Krasney hatte diese Aufgabe schon nach
der ICE-Katastrophe von Eschede für Opfer, Angehörige und
Hinterbliebene wahr genommen. Zudem hat die Bahn für Angehörige
eine Hotline, Rufnummer 0130/739 944, eingerichtet.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Technische Bedingungen und Sicherungs-Systeme der Deutschen Bahn
Wie fährt man eine Lokomotive?

Von Sven Hamann

Engmaschig, aber nicht lückenlos ist das Kontrollsystem der Eisenbahn.
Abgesehen von den modernen Neu- und Ausbaustrecken mit
Geschwindigkeiten von 200 Kilometern in der Stunde und mehr wird auf
dem herkömmlichen Netz (Höchstgeschwindigkeit 160 km/h) wie
zwischen Köln und Bonn praktisch "von Hand" gefahren. Dort muss der
Lokführer Signale und Geschwindigkeitsbeschränkungen beachten und
dabei die Strecke im Auge behalten. Nur "Lenken" im herkömmlichen
Sinn muss der Lokführer nicht. Konisch geformte Radlauf-Flächen und
die Spurkränze an den Rädern sorgen dafür, dass Loks und Wagen auf
den Schienen bleiben.

Weichen kann der Lokführer nicht bedienen, das besorgen die
Mitarbeiter in den Stellwerken. Der Zug folgt also einem vorher
eingestellten Fahrweg. Der Fahrplan, nach dem sich der Lokführer
richtet, sieht völlig anders aus als das Kursbuch der Bahn. Im so
genannten Buchfahrplan, der vor dem Lokführer liegt, sind detaillierte
Anweisungen über Höchstgeschwindigkeiten, Standorte der Signale und
Besonderheiten der jeweils befahrenen Strecke enthalten. Die
vorgesehenen Geschwindigkeiten wechseln dabei oft in kurzen
Abständen, besonders im kurvenreichen Rheintal.

Zusätzlich gibt es das "Verzeichnis der "Langsamfahrstellen", der "La".
Dieses Heft wird häufig aktualisiert und zeigt dem Lokführer, an welchen
Stellen - meist wegen Bauarbeiten - langsam gefahren werden muss
und über welche Gleise Umleitungen erfolgen: Im Brühler Fall werden
diese Details vermutlich noch von großer Bedeutung sein. Während der
Fahrt wird der Lokführer, der im Normalfall allein im Führerstand sitzt, im
wesentlichen von zwei Systemen unterstützt bzw. überwacht: Die "Sifa",
die "Sicherheitsfahrschaltung", muss vom Lokführer alle 20 Sekunden
betätigt werden. Er muss entweder auf einen der Schalter im
Führerstand oder auf ein Fußpedal drücken. Unterlässt er es "infolge
Dienstunfähigkeit" oder hält einen der "Knöpfe" dauernd gedrückt, ertönt
eine Hupe; unternimmt der Lokführer immer noch nichts, setzt nach fünf
Sekunden eine Zwangsbremsung ein, die den Zug mit einer
Schnellbremsung zum Stillstand bringt. Die Beachtung der Signale
durch den Lokführer wird von der "Indusi", der "induktiven
Zugsicherung", überwacht: Ungefähr einen Kilometer vor einem
Hauptsignal steht (wegen des mehrere hundert Meter langen
Bremsweges eines normalen Zuges) ein Vorsignal, das dem Lokführer
die Stellung des Hauptsignals anzeigt: Ist "Rot" zu erwarten, muss er
beim Passieren des Vorsignals eine Taste betätigen; andernfalls wird
durch am Gleis liegende Induktionsschleifen und entsprechende
Einrichtungen auf der Lok eine Zwangsbremsung ausgelöst; nicht
überall vorhanden ist ein weiterer Indusi-"Magnet", der rund 150 Meter
vor dem Hauptsignal steht und die reduzierte Geschwindigkeit des Zuges
prüft. Ist er noch zu schnell, wird ebenso die Zwangsbremsung ausgelöst
wie in jedem Fall, wenn der Zug das "Rot" zeigende Signal passieren
sollte. Solche Vorkommnisse werden ebenso wie die gerade gefahrene
Geschwindigkeit auf dem Fahrtschreiber festgehalten.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Interview: "Es fehlen uns überall Lokführer"
Mit Willi Becker sprach Norbert Kurth

Willi Becker ist Bezirkssekretär der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschland (GdED) in Köln.

Herr Becker, wie schätzen Sie den Sicherheitsstandard auf den Strecken
der Deutschen Bahn ein, insbesondere im Zusammenhang mit Baustellen?

Willi Becker: Früher ist an Baustellen immer eigenes Personal der Bahn
eingesetzt worden. Heute arbeiten dort häufig Mitarbeiter von
Drittfirmen. Das macht die Abstimmung schwieriger. Hinzu kommt, dass
die Bahn seit der Reform 1994 das Personal um die Hälfte reduziert hat.
Das ist eine gewaltige Größenordnung. Das Ergebnis ist eine
wahnsinnige Produktivitätssteigerung. Dennoch will ich die
Sicherheitstandards der Bahn nicht grundsätzlich in Frage stellen.

Wie gut ist die Ausbildung der Lokführer bei der Bahn ihrer Einschätzung nach?

Becker: Wir fordern, die Ausbildung wieder auf 18 Monate anzuheben.
Eine Ausbildung von nur sieben Monaten reicht nicht aus. Im Brühler
Fall spielte das allerdings keine Rolle, denn der Lokführer hatte ja eine
Ausbildung nach altem Muster - also 18 Monate. Die Zusatzausbildung
hat er erst in diesem Jahr abgeschlossen.

Angesichts des von ihnen angesprochenen massiven Personalabbaus in
den vergangenen Jahren: Gibt es denn noch genug Lokführer bei der Bahn?

Becker: Nein. Viele Kollegen machen Überstunden. Es fehlen überall
Lokführer, die Bahn leidet einfach unter erheblichem Personalmangel.
Aber auch das spielte bei dem Unfall in Brühl wohl keine große Rolle.
Der Führer des Unfallzuges hatte kein hohes Überstundenkonto, auch die
Ruhezeiten wurden meines Wissen eingehalten. Darauf achten wir
genauestens, ansonsten fahren die nicht, das ist völlig klar.

Wie hoch ist die Arbeitsbelastung für einen Lokführer?

Becker: Hoch, sehr hoch. Die Leute müssen ständig präsent sein. Alle
paar Sekunden müssen sie die Wachsamkeitstaste drücken, alles
registrieren. Nachts ist bei hohem Tempo ist kaum etwas auf und an der
Strecke zu erkennen. Das erzeugt natürlich Stress.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Umleitungen
Bahn setzt zusätzliche Züge ein

Köln - Nach dem schweren Zugunglück in Brühl werden bis auf weiteres
alle Fernverkehrs-Züge zwischen Köln und Koblenz Hauptbahnhof über
die rechte Rheinstrecke mit Halt in Bonn-Beuel umgeleitet.

Diese Züge sind ohne Aufpreis auch für Nahverkehrs-Reisende
freigegeben. Zusätzlich verkehren nach Auskunft der Deutschen Bahn
zwischen Bonn und Koblenz stündlich (Abfahrt zur 29. Minute)
Pendelzüge mit Halt in Remagen und Andernach. Reisende können mit
ihnen in Koblenz die umgeleiteten IC-Züge erreichen. Züge zwischen
Emmerich und Koblenz (RE 5) und Wuppertal-Koblenz (RE 6) verkehren
bis Kalscheuren, beziehungsweise Bonn. ICE-Züge, die in Bonn
beginnen oder enden, fahren in den nächsten Tagen ab,
beziehungsweise bis Köln.

Für die Strecke zwischen Köln und Bonn sind im Nahverkehr folgende
Ausweichlösungen gefunden worden: Zwischen Bonn und dem Bahnhof
Sechtem verkehren in beide Richtungen Pendelzüge in einem
15-Minuten-Rhythmus, in Sechtem stehen dann Busse bereit zur
Weiterfahrt nach Hürth-Kalscheuren. Im Berufsverkehr ist auf diesen
Buslinien allerdings mit Verspätungen zu rechnen. Zwischen
Kalscheuren und Köln ist ebenfalls ein Pendelverkehr eingerichtet
worden zusätzlich zu den Regionalexpress-Zügen (RE 20, RE 22) der
Eifelstrecke. Auf diesen Linien (Köln-Gerolstein-Trier) ist ein zusätzlicher
Halt in Kalscheuren eingerichtet worden.

Ausweichen können Reisende zwischen Köln und Bonn auch auf die
Linien 16 und 18 der Kölner und Bonner Verkehrsbetriebe. Die Bahn
bittet darum, vornehmlich die Linie 16 zu nutzen. (EB)

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Sichere Bahn

Das sicherste Verkehrsmittel in Deutschland ist statistisch gesehen die
Bahn. Wer sich in sein Auto setzt, um an ein bestimmtes Ziel zu
kommen, muss etwa zehn Mal häufiger mit einem tödlichen Unfall
rechnen als im Zug.

1997 starben 274 Menschen bei Bahnreisen, 1085 wurden verletzt; auf
der Straße waren es 8549 Tote und 501 000 Verletzte. Beide
Verkehrsträger werden dabei immer sicherer. Für die Bahn gilt dies fast
durchgehend seit der Nachkriegszeit. Im Straßenverkehr stieg das Risiko
wegen des Autobooms bis etwa 1970 (allein in Westdeutschland 19 193
Tote) zunächst an, seither sinkt die Zahl der Opfer nahezu von Jahr zu Jahr.

Um die Verkehrssicherheit zu bewerten, bedienen sich die Statistiker
der Opferzahl auf eine Milliarde Personenkilometer. Eine Milliarde
Personenkilometer kommen zusammen, wenn ein Einzelreisender 417.000 Mal
von Westerland nach Garmisch-Partenkirchen und zurück fährt
oder wenn eine vierköpfige Familie den gleichen Weg über 100 000
Mal zurücklegt.

Laut Statistischem Bundesamt starben je Milliarden Personenkilometer
1997 statistisch 0,8 Bahnreisende, aber 7,7 Menschen auf der Straße.
Diese Zahl umfasst auch die recht sicheren Busse und Straßenbahnen,
im Auto ist das Unfallrisiko noch höher. Die Flugzeuge liegen mit 2,1
Toten je Milliarde Personenkilometer dazwischen. Umgerechnet auf die
1200 Kilometer zwischen Westerland und Garmisch-Partenkirchen würde
dies bedeuten: Ein Alleinreisender könnte die Strecke statistisch
gesehen 1427 Jahre lang täglich hin und zurück fahren, ehe er tödlich
verunglückt.

Im Jahr 1996 sah der Vergleich noch günstiger für die Bahn aus, im
Eschede-Jahr 1998 dagegen deutlich schlechter. Mit 6,9 gegenüber 1,8
Toten je Milliarde Personenkilometer war das Risiko auf der Straße aber
immer noch fast vier Mal so hoch wie auf der Schiene. (afp)

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Wie eine Schweizerin versucht, das Geschehene zu überwinden,
und wie die Menschen in Brühl um die Opfer trauern
Ein letzter Blick zurück nach vorn

Kreidebleich steht sie da, ganz verloren, ganz allein, tonlos formen ihre
Lippen Worte. Kathi Güter steht dort, wo der Tod in die Stadt raste, am
Bahnhof von Brühl, und Kathi Güter begreift erst jetzt, dass die
Katastrophe auch ihr Leben hätte nehmen können. Doch sie hat überlebt.

Bis vor wenigen Stunden noch lag Kathi Güter im Schleidener
Krankenhaus; die Platzwunde am Kopf wurde geklammert, ein
Bluterguss hat ihr linkes Auge geschlossen. Auf ihrer Hand klebt noch ein
Pflaster, die letzte Spur der Infusionen. Jetzt sind Bruder und Schwager
gekommen, um sie und ihre unverletzte Schwester heim ins
Schweizerische Basel zu holen. Dieser Heimweg führt über Brühl: "Ich
musste das sehen, damit ich es glaube. Sonst finde ich keine Ruhe."

Ruhe - Kathi Güter bleibt stehen, fixiert das grotesk verknautschte Blech,
die Haufen an Schrott, zieht sich tief in ihren schwarzen Mantel zurück,
dann wendet sie sich abrupt ab. Sie hat genug gesehen, sie erzählt: von
dem Rumpeln des Waggons, von dem Augenblick, in dem sie aus ihrem
Sitz geschleudert wurde: »Wir hatten uns gerade zum Schlafen
hingelegt, als es holperte. Ich hab' gedacht »Worüber sind wir denn jetzt
gefahren?«. Dann hat es fürchterlich extrem geknallt. Ich bin auf die
andere Seite unseres Wagens geflogen. Dann hab ich meine Schwester
gerufen - mein Gott, wie war ich froh, dass ihr nichts passiert war."

Prominenter Besuch

Ein Zugbegleiter, fährt Kathi Güter fort, habe ihr mit einer
Taschenlampe den Weg aus dem Wrack geleuchtet: "Und dann waren
Menschen da, die haben uns geholfen." Anwohnern, in deren Haus sie
unterkam, von denen sie getröstet und beruhigt wurde: "Ich muss da
Danke sagen."

Zart lächelnd erlaubt sie dann Fotografen, ihre Kameras auf sie zu
richten. Fast entschuldigend löst sie ihren Schal und legt ihn über das
lädierte Auge. Dann geht sie, ganz langsam. Kathi Güter hat gesehen,
was sie sehen musste.

Was muss man hier sehen? Wer muss hier gesehen werden? Der
Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt hat sein Kommen angesagt,
der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen Wolfgang
Clement wird erneut erwartet, und auch der niederländische
Ministerpräsident Wim Kok will am Nachmittag die Unglücksstelle sehen.

Sie kommen, sie sehen und sagen, was von den Menschen im Land
erwartet wird - mit Worten, die immer dann gesagt werden, wenn
Schreckliches passiert ist: Betroffenheit, Anteilnahme, starkes
Mitempfinden und Mitgefühl mit Opfern und Angehörigen, Dank und
Respekt für die Retter, Helfer und Anwohner.

So formalisiert die Redewendungen auch sind, scheinen sie an diesem
Ort doch frei von Kalkül zu sein. Minister Reinhard Klimmt, der ohne
Pressebegleitung die Reste des D-203 in Augenschein genommen hat,
ist sichtlich mitgenommen, als er davon spricht, welche "Urgewalt über
die Menschen hereingebrochen ist". Und Clement sagt: "Unfassbar."

Pressekonferenz im "Brauhaus am Schloss". Hier wurden in der
Unglücksnacht Verletzte operiert und versorgt; die Spuren sind beseitigt,
der Boden ist gewischt. Auch Essen wurde hier verteilt, und Journalisten
wurden informiert. Jetzt stehen die Stühle auf den Tischen, ein
Glücksschwein aus Stroh auf dem Boden. Montag ist Ruhetag, und im
Hinterzimmer sind zahllose Kameras und Mikrofone aufgebaut.
Reinhard Klimmt nimmt Platz.

Zur Sache selbst, zu Ursachen, Spekulationen und Vermutungen,
vermag er nicht viel Neues beizutragen: "Die Bahn gehört zu den
sicheren Verkehrsmitteln", beteuert er und versichert, dass
Schwachstellen behoben würden. Eine Schwachstelle, auch das sagt er,
"ist der Mensch", und dessen Ausbildung müsse mit "größter Sorgfalt"
betrieben werden. Zu Gerüchten, der Lokführer sei im Schnellverfahren
ausgebildet worden, sagt Klimmt: "Er durfte diesen Zug fahren."

In diesem Zug, auch das wird bei dieser Pressekonferenz mitgeteilt,
starben acht Menschen, 149 wurden verletzt, 69 davon schwer. Ein
Fahrgast schwebt noch in Lebensgefahr. Weshalb die Zahl der Toten
von neun auf acht korrigiert werden musste - "ein kleines Glück in dieser
Katastrophe - die Polizei bittet darum, die Bergungsarbeiten nicht
schildern zu müssen. Polizeidirektor Winrich Granitzka: "Ersparen sie uns
die Einzelheiten."

Weitere Fragen verbieten sich, denn diese Nacht war so grauenvoll, dass
etliche Hilfskräfte seelsorgerischen Beistand benötigen (siehe: "Wenn
das Erlebte nicht verarbeitet wird . . ."). Öffentlich sollen und wollen sie
nicht darüber sprechen. Die Schreie der Verletzten, die Amputation auf
den Gleisen, die Bilder der Toten haben sich in ihre Köpfen gefressen.
Pastor Holger Reiprich Meuer, Leiter der Notfallseelsorge im
Stadtkirchenverband Köln, gibt das Leid eines Feuerwehrmannes
wieder, der nachts am Katastrophenort zusammenbrach: "Ich kann nicht
mehr. Ich will nach Hause. Ich kann keine Toten mehr sehen."

Gedankt haben die Politiker den Helfern, die diese "emotional
schwierigen Situationen" durchlebt haben. Sie haben es mit Recht
getan. 14 Notärzte waren alarmiert worden; 20 bis 25 Mediziner waren
schließlich vor Ort. Niedergelassene Ärzte waren zum Bahnhof geeilt,
um einfach ihre Hilfe anzubieten. Die Brühler aus der Sackgasse "Am
Inselweiher" öffneten nachts ihre Häuser, um die Verunglückten
aufzunehmen und Leid lindern zu helfen. "Viele", sagt jemand, "haben
mehr getan, als man von ihnen erwarten konnte". Das alles ist nicht in
Zahlen zu fassen, das alles wird nicht in der Unfallstatistik registriert
werden.

Die Opferzahlen, die am Nachmittag als relativ zuverlässig gelten,
werden von der Polizei noch immer als vorläufig klassifiziert. Denn noch
immer ist es den Bergungskräften nicht gelungen, alle Waggons zu
heben. heute oder morgen, so heißt es, könnten die Bergungsarbeiten
abgeschlossen sein.

Ob bis zu diesem Zeitpunkt der 28 Jahre alte Lokführer vernommen
werden kann, auch das scheint noch fraglich zu sein. Der Mann, der von
seinem Aussageverweigerungsrecht bislang Gebrauch macht, stehe
noch unter Schock und werde in eine Klinik in der Eifel betreut. Die
Staatsanwaltschaft will ihm Zeit geben.

Beklommenheit bleibt

Zeit - vierzig Stunden nach dem Unglück macht sich so etwas wie
Gelassenheit breit. Nichts, dass übereilt erledigt werden müsste. Die
Bergungskräfte arbeiten zügig, die Ermittler ermitteln; noch fehlen
Unterlagen aus der Lokomotive. Sie können nicht abhanden kommen.
Im Heer der Journalisten hat sich jede Hektik gelegt, die
Nachrichtenlage ist klar, Überraschungen werden nicht mehr erwartet. In
Brühl wird die Normalität wieder Einzug halten.

Doch vollends hat die Stadt den Schock noch nicht verarbeitet. Im
Zentrum der Kleinstadt, so meinen Geschäftsleute, sei es ruhiger als an
anderen Tagen. Im Cafe Müller sitzen vorwiegend ältere Menschen an
kleinen Tischen und reden leise und gedämpft über das, was man eines
Tages vielleicht nur noch mit dem Wort "Brühl" umschreiben wird - das
"Zugunglück von Brühl".

Die Beklommenheit ist jedenfalls noch im Ort, und selbst die
Schaulustigen können sich nicht von ihr freimachen. Bruchstückweise
geben Gartengrundstücke ihnen den Blick auf zerborstenes Glas und
zerrissenes Eisen frei. Eine junge Frau sagt zu ihrem Kind: "Da drüben
sind Menschen gestorben."

Ein Rentner hebt sein Opernglas, ein anderer schiebt störende Zweige
beiseite, man reckt sich nach vorn. Doch Gier haben die Leute hier nicht
im Auge. Sie trauern. Wer hier redet, vermeidet Lautstärke, wer hier
geht, geht ohne schnelle Bewegungen, wer hier spricht, spricht nicht von
"Betroffenheit" und "Mitgefühl" - einem jungen Burschen entfährt: "Mein
Gott ist das eine Scheiße!" Und sein Freund assistiert: "Verdammt ja, das ist es!".

Im "Brauhaus am Schloss" ist am späten Nachmittag Ruhe eingekehrt.
Für diesen Tag ist die letzte Pressekonferenz gegeben, der
Medienauftrieb verliert sich. Im Matsch vor dem Eingang liegt ein
durchnässter Strumpf, ein paar Meter weiter ein zerissenes blaues
T-Shirt; daneben eine grüne Kinderhose.

Gegenüber weht auf Schloss Augustusburg die Deutsche Fahne: Halbmast.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Die Helfer von Brühl
Wenn das Erlebte nicht verarbeitet wird...

Von Andrea Hentschel

Die Waggonwracks des D-Zuges 203 werden in in ein paar Tagen
weggeräumt sein - in den Köpfen der Helfer, Opfer und Angehörigen
aber hat sich das Bahnunglück von Brühl für Jahre oder sogar für den
Rest des Lebens eingebrannt. Bei manchen Menschen kann dies
unmittelbar oder erst mit monatelanger Verzögerung sogar traumatische
Reaktionen auslösen. Die Betroffenen leiden unter psychischen und
körperlichen Beschwerden. Selbst die Helfer also brauchen daher viel
Zeit und manchmal auch die Hilfe geschulter Psychologen, um solch
ein Erlebnis zu verarbeiten. Abschalten lässt sich die Erinnerung in
keinem Fall. Wer darüber spreche, könne seine Erfahrungen aber besser
aufarbeiten als jemand, der alles "wegstecken" will, sagt Christa
Schulze, Psychologin an der Universität Marburg.

"Solch ein Ereignis kann Menschen traumatisieren", sagt die
Psychologin. Als Folge könne es zu Übererregbarkeit,
Konzentrationsmangel, Schlaflosigkeit kommen und zu "Flashbacks",
wenn die Erinnerung fetzenweise und unkontrolliert zurückkehrt und den
Körper in Angst versetzt. Je bedrohlicher die Situation empfunden
wurde, desto schwerer sei es, das Ereignis zu verarbeiten. Das bedeute,
sich in Gesprächen mit dem Trauma zu beschäftigen und das Erlebte zu
akzeptieren, meint Schulze. Sonst drohten psychosomatische
Störungen. Dass sich Menschen zunächst nicht mit einem solchen
Ereignis befassen wollen, halten Experten für eine normale Reaktion.
"Auch nicht alle Betroffenen wollen gleich reden, weil der Schreck zu
schlimm ist", sagt Peter Fiedler, Psychologe an der Universität
Heidelberg.

Es sei aber wichtig, die Erfahrungen in Worte zu fassen. Angehörige und
Freunde sollten sich daher Zeit nehmen, den Betroffenen immer wieder
erzählen lassen und sich bloß nicht irgendwann entnervt abwenden.
Denn mit jedem Gespräch beruhigt sich der Körper mehr und mehr.
Nahe stehende Menschen können so quasi den Therapeuten ersetzen.
In vielen Fällen sei aber eine Betreuung durch Psychologen oder
Psychotherapeuten sinnvoll, meint Fiedler. Die können zum Beispiel
über den Informationsdienst des Berufsverbandes der Psychologen in
Bonn vermittelt werden.

Wie wichtig die Hilfe und psychologische Betreuung ist, zeigte sich auch
nach dem Zugunglück von Eschede im Sommer 1998, bei dem 101
Menschen starben. Bis heute kümmert sich der von der Bahn eingesetze
Ombudsmann Ernst Otto Krasney als Mittelsmann zwischen den Opfern
und der Deutschen Bahn AG um Beschwerden und koordiniert die
psychosoziale Betreuung. Er wird sich auch um die Opfer von Brühl
kümmern. Als wichtigste Aufgabe nannte der ehemalige Richter am
Bundessozialgericht die psychologischen und psychosomatischen
Angebote für Opfer und Helfer.

Rettungstraining

Die ICE-Tragödie von Eschede, bei der im Sommer 1998 mehr
als 100 Menschen ums Leben gekommen waren, gilt in der
Katastrophenhilfe als Wendepunkt. Seither wurde die
Zusammenarbeit der Hilfsorganisationen verbessert und die
psychologische Betreuung der Helfer vertieft.

In Brühl wurden die 500 Helfer von Feuerwehr, Deutschem
Roten Kreuz, Technischem Hilfswerk und Polizei in Brühl
zentral von der Befehlsstelle der Kölner Polizei koordiniert. Seit
Eschede wird auch die Zusammenarbeit der Führungskräfte der
einzelnen Organisationen häufiger geprobt.

Die Bergung der Verletzten in Brühl hat nach Ansicht des
Leitenden Notarztes des Erftkreises, Heinz-Albert Brüne,
reibungslos funktioniert. Feuerwehrleute, Sanitäter und
Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks hätten vor einem Jahr
das Verhalten nach einem Zugunglück intensiv trainiert.

Die übliche "Chaos-Phase" sei aufgrund dieses Trainings "sehr
kurz" gewesen, sagte Brüne. Die Verletzten seien schnell
versorgt worden. (afp, dpa, ap)

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.2.2000 (Internet)

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Nach Katastrophe von Brühl die ersten Toten identifiziert
Kein technisches Problem - Nur Lokführer kann Klarheit bringen

EB Brühl. Die Eisenbahnkatastrophe von Brühl mit mindestens acht
Toten ist eindeutig nicht durch einen technischen Defekt verursacht worden. Das
teilte das Eisenbahnbundesamt gestern, einen Tag nach dem
schweren Unglück, mit. Im Zentrum der Ermittlungen steht jetzt das Verhalten des
Lokführers, der auch gestern noch unter schwerem Schock stand und
nicht vernehmungsfähig war.

Staatsanwaltschaft und Eisenbahnbundesamt untersuchen, warum der
28-jährige den Schnellzug Amsterdam-Basel nach einer Baustelle stark
beschleunigte und mit 122 Kilometern pro Stunde - drei Mal schneller
als erlaubt - in die Katastrophe raste. Laut Eisenbahnbundesamt hat der
Lokführer kein auf Langsamfahrt gestelltes Signal überfahren, sondern
vielmehr nach einem solchen Signal wieder beschleunigt.
Vorschriftsmäßig hätte er sein Tempo beibehalten müssen, bis ein
anderes Signal das Tempolimit aufgehoben hätte. Geprüft wird noch,
ob die Fahranweisungen, die der Lokführer erhalten hatte, korrekt waren.
Laut Bundesamt hätten die Signale in jedem Fall aber Vorrang gehabt.

Die Helfer schlossen die Durchsuchung der Waggons ab. Die
ursprünglich mit neun gemeldete Zahl der Toten wurde auf acht
reduziert. Drei Tote wurden identifiziert. Es handelte sich um drei
Männer aus Lahnstein. Verletzt wurden 149 Menschen, 89 von ihnen
schwer. Ein Reisender schwebt noch in Lebensgefahr.

Die Bahn stellte als Soforthilfe zwei Millionen Mark bereit. Der
Ex-Präsident des Bundessozialgerichts, Otto Ernst Krasney, steht als
Ombudsman zur Verfügung. Er hatte diese Aufgabe auch nach der
Katastrophe von Eschede wahrgenommen.

Für die Opfer der Katastrophe findet am kommenden Sonntag um 18.30
Uhr ein Gedenkgottesdienst in der Brühler Kirche St. Margaretha statt.
Daran nimmt auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner teil.

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 ? (Internet)

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Debatte um Lokführer
"Es geht keiner schlecht ausgebildet auf eine Lok"

Rationalisiert die Deutsche Bahn AG ihren Betrieb auf Kosten der
Fahrgast-Sicherheit? Ist der Lokführer des Brühler Unglückszuges zu kurz
und nicht umfassend ausgebildet worden? Der 28-Jährige war nach
Angaben der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands nach einer
technischen Berufsausbildung zunächst fünf Jahre lang bei der Häfen
und Güterverkehr Köln AG (HGK) beschäftigt gewesen. Erst als
Rangierer, dann nach einer neunmonatigen Ausbildung, ein Jahr lang
als Lokführer. HGK-Chef Dieter Bollhöfer erinnert sich: "Der Mann ist
vollständig unauffällig gewesen und gut gefahren." Nach seinem
Wechsel zur DB habe er dann eine sieben Monate dauernde
Zusatzausbildung absolviert, sagte Gewerkschaftssprecher Hubert Kummer.

Zwar sterben zehnmal weniger Menschen bei Zugunglücken als durch
Autounfälle, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden gestern
mitteilte. Doch unter den Experten ist die Diskussion über die Sicherheit
von Bahnreisen durch die jüngste Katastrophe neu entbrannt. Nach
Gewerkschaftsangaben schieben allein die Lokführer 245 000
Mehrarbeitstage vor sich her, nachdem in den letzten vier Jahren 120.000
Stellen abgebaut wurden. Bahnchef Hartmut Mehdorn wies gestern
alle Vorwürfe zurück: "Es geht keiner schlecht ausgebildet oder
übermüdet auf eine Lokomotive. Darauf können Sie sich verlassen",
sagte der DB-Vorstandsvorsitzende.

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) verlangte dagegen, als
Konsequenz aus dem Unfall die Ausbildung zu überprüfen und
gesetzlich neu zu regeln. Bislang gibt es zwei unterschiedliche
Ausbildungswege, wie der stellvertretende GdL-Vorsitzende Heinz
Fuhrmann erklärt: Zwei Jahre und sieben Monate dauere die Ausbildung
zum staatlich anerkannten "Eisenbahner im Betriebsdienst" für den
Fachbereich Lokführer und Transport. Parallel biete die
Deutsche Bahn technisch vorgebildeten Bewerbern mit Schlosser- oder
Elektrikerlehre eine innerbetriebliche Ausbildung zum Lokomotivführer,
die im Zuge der Bahnprivatisierung von 18 auf sieben Monate gekürzt
wurde. Auch die früher im ersten Vierteljahr übliche Begleitung durch
einen erfahrenen Kollegen sei abgeschafft worden.

Gleichwohl betonte Fuhrmann: Bislang gebe es keine Erkenntnisse
darüber, dass die mangelhafte Ausbildung in der Vergangenheit zu
Bahnunfällen geführt habe.

Der 28-jährige Lokführer des Unglückszuges wurde unterdessen weiter
wegen eines schweren Schocks in einer Euskirchener Klinik behandelt.
Die Sprecherin der Kölner Staatsanwaltschaft, Regine Appenrodt,
rechnete zunächst nicht mit einer Vernehmung. Nach ersten
Äußerungen machte er Gebrauch von seinem
Zeugnisverweigerungsrecht. mis

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 ? (Internet)

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Eisenbahn-Bundesamt: Geschwindigkeitsbegrenzung von 40 km/st war noch in Kraft
"Signal muss befolgt werden, bis ein anderes es wieder aufhebt"

Von Michael Schmidt

Rätselraten. War es menschliches Versagen? War die Technik defekt?
Am Tag danach: Fragen über Fragen. "Der Vorgang ist unverständlich,
aber kein vollkommenes Rätsel", sagt Mark Wille nach den ersten
Ermittlungen zu Ursache und Hergang des Zugunglücks im Brühler
Bahnhof - und entzieht Spekulationen vorerst den Boden: "Nach
unserem bisherigen Kenntnisstand können wir einen technischen Defekt
ausschließen", so der Sprecher des Eisenbahn-Bundesamts (EBA).

Willes Angaben zufolge hat sich Sonntagnacht folgendes abgespielt:
Der D 203 von Amsterdam nach Basel wechselte in Kalscheuren das
Gleis, um einer kurz zuvor eingerichteten Baustelle auszuweichen. Vor
dem Güterbahnhof Brühl wies ein Einfahrtsignal den Lokführer darauf
hin, dass er den Zug auf 40 km/st abbremsen soll. Wille: "Dieses Signal
muss befolgt werden - solange, bis ein anderes Signal es wieder
aufhebt. Das ist ein ganz klarer und eindeutiger Befehl."

Damit belasten die ersten Untersuchungen also den Lokführer. Denn der
28-Jährige hat den Zug nach dem Einfahrtsignal zwar vorschriftsmäßig
abgebremst - doch aus ungeklärten Motiven wieder beschleunigt. Auf
122 km/st. Und ohne, dass ein Ausfahrtsignal die
Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben hätte. Zwischen dem Eingang
zum Güterbahnhof Brühl und dem Ausgang des Brühler
Personenbahnhofs - rund zwei Kilometer - steht kein weiteres Signal.
Auch keines, das den Zug hätte zwangsbremsen können. Es gebe im
Gleiswechselbetrieb - wenn also der Zug wie in diesem Fall auf dem
Gegengleis fährt - keine automatische Zugbeeinflussung, so Wille.
"Zudem wirkt die nur, wenn ein Signal zu schnell überfahren wird. Das
war hier nicht der Fall."

Warum aber wurde der Nachtexpress bei der Einfahrt in den
Personenbahnhof an der Unglücksweiche 48 überhaupt auf ein
Nebengleis geleitet, statt geradeaus auf dem Hauptgleis weiter zu
fahren? Hätte das Unglück dann nicht vermieden werden können?
"Erstens hätte der Zug auch auf dem Hauptgleis nicht 122, sondern
höchstens 100 km/st fahren dürfen", sagt Wille. Zweitens hätten vor dem
Unfall mindestens zehn Züge die Weiche ohne Probleme passiert. "An
eben diesem Überholgleis befindet sich nämlich das Ausfahrtsignal, das
dem Zugführer gezeigt hätte: Von hier an darfst Du wieder schneller
fahren." So weit aber kam der Zug gar nicht. Vorher katapultierte es ihn
an der Weiche aus den Schienen.

Wusste der Lokführer, dass ihn nach der Baustelle am Personenbahnhof
diese Weiche erwartet? "Jeder Lokführer erhält vor Fahrtantritt einen
Buchfahrplan", erklärt Heinz Fuhrmann, stellvertretender
Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Lokomotivführer. Der
informiere ihn über Fahrtzeiten, Geschwindigkeiten, Haltestellen und
Signale. "Darüber hinaus erhält jeder Lokführer ein Verzeichnis der so
genannten Langsamfahrstellen, das ihn auch über Baustellen in
Kenntnis setzt." Aber hat es den Führer des Unglückszugs auch über die
Weiche informiert? "Wir haben das Verzeichnis beschlagnahmt und
kontrollieren das", erläutert Wille vom EBA. "Aber das ist auch insofern
unwichtig, als das nichts daran ändert, dass der Zugführer sich an die
Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten hatte, die nur durch das
Ausfahrtsignal hätte aufgehoben werden können."

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. "Der Vorwurf der fahrlässigen
Tötung steht im Raum", so Wille. Regine Appenrodt, Sprecherin der
Kölner Staatsanwaltschaft, rechnet für die nächsten Tage mit dem
EBA-Gutachten zum Unfallhergang. Dann liegt's bei ihr zu untersuchen,
warum der Lokführer auf das Dreifache des Erlaubten beschleunigte.

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 ? (Internet)

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Strecke noch dicht
Ersatzverkehr oft mit großer Verspätung

Wenigstens eine gute Nachricht konnte die Deutsche Bahn vermelden:
Das Konzept für den Ersatzverkehr, mit dem die zwischen
Hürth-Kalscheuren und Sechtem gesperrte Strecke umfahren wird, greift.
"Die Kapazitäten reichten aus, im wesentlichen verlief der Tag
unproblematisch", erklärte der Sprecher der Regionalbahn Rheinland
Martin Walden.

Die Fahrgäste mussten zwar zum Teil erhebliche Verspätungen in Kauf
nehmen, grundsätzlich war ein Durchkommen jedoch möglich. Für
zusätzliche Verzögerung sorgte ein Personenunfall bei Königswinter.
Die rechte Rheinstrecke Koblenz - Köln, auf die alle Fernverkehrszüge
nach dem Brühler Unglück umgeleitet worden waren, musste teilweise
komplett gesperrt werden.

Da die Aufräumarbeiten in Brühl andauern, wird der Ersatzverkehr auch
heute fortgesetzt. Im Nahverkehr werden die Stadtbahnlinien 16 und 18
empfohlen, die mehrfach in der Stunde fahren.döp

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 ? (Internet)

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Bürgermeister von Brühl will Konsequenzen
Generelles Tempolimit in Wohngebieten gefordert

Brühl. (dpa) Nach dem Zugunglück von Brühl hat sich der Bürgermeister
der Gemeinde für ein generelles Tempolimit auf Bahnstrecken
ausgesprochen, die durch Wohngebiete führen. Es sei zu überlegen, ob
auf "solchen Strecken, die so nah an Häusern vorbeiführen",
Geschwindigkeiten von 140 Stundenkilometern gefahren werden
müssten, sagte Michael Kreuzberg in einem Interview des Inforadio
Berlin-Brandenburg. Der Brühler Bürgermeister unterstrich, dass der Ort
noch Glück im Unglück gehabt habe. "Es hätte nur wenig bedurft und es
wäre eine noch viel größere Katastrophe entstanden", meinte der
Kommunalpolitiker.

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 ? (Internet)

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Themen des Tages
"Diese Horrorbilder lassen mich nicht los"

Von Markus Grabitz

Um Abstand zu bekommen, muss die Schweizerin Kathi Grüter dem Ort
der Katastrophe noch einmal ganz nah kommen. 36 Stunden nachdem
sie dem Todeszug entkam, und unmittelbar nach der Klinik-Entlassung
lässt sie ihren Blick auf den Trümmern des Brühler Zugunglücks ruhen.
Sie sieht, dass sich die baumstammdicken Stahlträger des
Bahnsteigdachs wie Mikadostäbe in den Waggon gebohrt haben, in
dem sie mit ihrer Schwester saß. Und sie nimmt wahr, dass alle
Nachbarabteile völlig zerstört sind, dass die Sitzpolster zerfetzt auf den
Gleisen liegen.

Die Schläge, die ihren Kopf beim Unglück trafen, müssen eine
ungeheure Wucht gehabt haben. Die linke Gesichtshälfte der Frau, die
mit Schweizer Akzent spricht, ist ein einziger Bluterguss, die Wange so
stark geschwollen, dass sie ein Auge nicht öffnen kann. Ganz so als
stehe sie noch unter Beruhigungsmitteln spricht sie wie in Zeitlupe:
"Mich beschäftigt, was mit dem jungen Mann ist, der uns beim
Einsteigen in Düsseldorf half." Sie und ihre Schwester, beide haben das
Unglück überlebt. Doch hier am Wrack des Nachtzugs spüren sie, wie
nah der Tod war. Jetzt sind sie hier, um sich zu vergewissern, dass alles
nicht ein böser Traum war. Die ganz in Schwarz gekleidete Frau sagt:
"Ich will wissen, dass es stimmt, was ich im Kopf habe. Diese Horrorbilder
lassen mich sonst nicht los."

Das Bild von den Leichenwagen, zum Beispiel. Noch in der Nacht zu
Montag mussten die schwarzen Limousinen zwei Mal vorfahren. Unter
dem einen Waggon, der gegen die Stahlkonstruktion am Bahnsteig
geprallt war, hatten Rettungsmannschaften in den frühen
Morgenstunden zwei Leichen geborgen. Bis zur Stunde ist noch immer
nicht auszuschließen, dass im zweiten zertrümmerten Wagen weitere
Tote entdeckt werden.

Polizeisprecher Werner Schmidt zieht die vorläufige Bilanz des
Unglücks: "Die Zahl der Toten wurde heute Morgen von neun auf acht
korrigiert." Dabei handelt es sich um sieben Männer und eine Frau.
Noch immer außerordentlich schwierig verläuft die Identifizierung der
Leichen: Sicher zugeordnet wurden bislang drei Leichen, zwei Männer
und die Frau. Alle drei sind Deutsche. Insgesamt wurden bei dem
Unglück 149 der 236 Reisenden im D 203 verletzt. Zwei von ihnen
schweben immer noch in akuter Lebensgefahr. Von den 89 in Kliniken
gebrachten Schwerverletzten konnten bis gestern Nachmittag 33
entlassen werden, 46 liegen noch immer mit zum Teil schwersten
Verletzungen in Krankenhäusern. Derzeit sind 49 Vermisstenfälle
ungelöst. Polizeisprecher Theo Reinke weist jedoch darauf hin:
"Darunter sind viele Fälle, in denen sich amerikanische Eltern, deren
Kinder eine längere Europa-Reise unternehmen, Sorgen machen."
Hoffentlich grundlos: Es sei nämlich völlig ungeklärt, ob die
Jugendlichen tatsächlich im Zug saßen oder irgendwo ihren Urlaub
genießen.

Hart an der Grenze sind die Belastungen für die ehrenamtlichen Helfer.
Allein 120 Mitglieder des Technischen Hilfswerks (THW) waren in den
letzten 36 Stunden vor Ort. Dabei waren sie Eindrücken ausgesetzt, die
manche der jungen Männer nicht verarbeiten können.
Feuerwehrseelsorger Holger Reiprich-Meurer berichtet von einem Helfer,
der in den ersten Stunden zu ihm kam, als noch immer Leichenteile
geborgen wurden: "Der Mann sagte nur noch, er könne keine Toten
mehr sehen und wolle nur nach Hause."

Um die seelische Not der Helfer zu lindern, koordiniert Reiprich-Meurer
ein Seelsorger-Team. Im THW-Zelt, wo aus der Gulaschkanone seit
Sonntagnacht 1500 Essen aufgetischt wurden, spricht Pfarrer Frank
Drensler mit den Helfern: "Bei diesen Entlastungsgesprächen kann man
die Nöte spüren, die auf den Seelen lasten."

Mit Trennschleifern, Schweißgeräten und Äxten zerlegen
währenddessen die Bergungskräfte die Zugtrümmer in etwa zehn
Tonnen schwere Stücke. Die gespenstisch aussehenden Waggonteile
hievt ein Kran auf bereit gestellte Güterwaggons. Wie lange die
Bergungsarbeiten noch dauern, ist nicht absehbar. Der Leitende
Polizeidirektor Matthias Seeger, Einsatzleiter vom Bundesgrenzschutz,
erklärt: "Das Freilegen der Gleise dauert mindestens bis
Dienstagnachmittag, vielleicht auch länger." Laut DB-Auskunft werden
frühestens am Mittwoch die ersten Züge wieder die Unfallstelle
passieren.

Der Schock des Unglücks sitzt tief, auch bei den Verantwortlichen der
Bahn und in der Politik. Gestern eilten sie zum Brühler Bahnhof:
DB-Chef Hartmut Mehdorn, Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt
sowie der niederländische Ministerpräsident Wim Kok. Sie gingen durch
die Trümmer und drückten ihr Mitgefühl für die Opfer aus. Klimmt fand
auch Worte für das Gefühl der Ohnmacht: "Das ist wie eine Urgewalt, die
über die Menschen hereinbricht."

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 ? (Internet)

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Lok raste in das Wohnzimmer der Brühler Familie Rattay - Ihr Haus ist einsturzgefährdet
"Wir werden auch diesmal unbürokratisch helfen"

Günter und Gertrud Rattay wollen nur noch Ruhe. Der 70-jährige
Malermeister und seine 62-jährige Ehefrau sind zwar körperlich
unversehrt, doch mit den Nerven am Ende. Als in der Nacht zu Sonntag
der Schnellzug 203 in Brühl entgleiste, raste die Lok in das weiße
Einfamilienhaus der Rattays, riss die Garage weg, durchbrach die
Wohnzimmerwand und demolierte die Küche. Das Ehepaar lag im
Schlafzimmer im ersten Stock - und kam wie durch ein Wunder mit
einem Schock davon.

Am Tag nach dem Unglück ist das Haus, in dem die Familie seit 1962
lebte, wegen der Einsturzgefahr sicherheitshalber versiegelt. Die
Eheleute sind erst einmal bei einem ihrer Söhne in Wesseling
untergekommen und wollen nicht gestört werden. Schon kurz nach dem
Unfall standen die ersten Kamerateams vor der Tür, und seitdem riss der
Strom der Anfragen nicht mehr ab.

Am Sonntag konnten Rattays noch einmal kurz in ihr Haus, um das
Nötigste - Kleidung und Dokumente - zu holen. Das Nötigste wird aber
nur für ein paar Tage reichen. Die Familie hofft, dass sich die Deutsche
Bahn schnell um sie kümmert. Zusagen gebe es allerdings noch nicht.

Am Wochenende waren Mitarbeiter des städtischen Bauordnungsamts
im Haus, gestern wurde gemeinsam mit einem Prüfstatiker noch einmal
der Schaden begutachtet. "Das Haus ist akut einsturzgefährdet, da die
Giebelwand beschädigt ist", so Brühls Pressesprecher Wolfgang Nies.
Die Lok soll, wenn möglich, heute abtransportiert werden. Erst dann
könne in Abstimmung mit den Eigentümern geklärt werden, ob das Haus
abgerissen werden muss, oder ob Abstützmaßnahmen ausreichen. Auf
jeden Fall soll dem Ehepaar ermöglicht werden, weitere Sachen aus
dem Haus zu holen.

"Wir haben in Eschede unbürokratisch geholfen und werden das auch
hier tun", so der Pressesprecher der Bahn in Nordrhein-Westfalen,
Manfred Ziegerath. Es würden alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um den
Geschädigten ohne Paragrafenreiterei zu helfen. jat

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Sa1
Noch vier Patienten auf Intensivstationen im Klinikum Merheim und in der Uni-Klinik
Mann schwebt weiter in Lebensgefahr

Weiterhin in Lebensgefahr schwebt ein 50-jähriger Mann, der bei der
Brühler Zugkatastrophe schwerste innere Verletzungen erlitt und ins
Klinikum Merheim geflogen wurde. Der Patient befindet sich noch auf
der Intensivstation und wird im künstlichen Koma gehalten. Ein zweiter
Patient mit leichteren Verletzungen konnte inzwischen wieder entlassen
werden.

In der Uni-Klinik liegen noch drei Patienten - ein Mann und zwei Frauen
- auf der Intensivstation. Der Mann, vermutlich ein Schweizer, erlitt eine
Brustkorbquetschung mit Rippenbrüchen und wird noch einige Tage
künstlich beatmet. Eine junge Isländerin, die seit Jahren in Köln lebt,
trug eine Schädelverletzung davon. Die Frau wird psychologisch betreut,
um über den Schock hinwegzukommen. Die zweite Patientin trug bei
dem Unglück eine Lungenquetschung und Knieverletzung davon. Alle
drei Patienten der Uni-Klinik sind aber außer Lebensgefahr.

Professor Klaus Emil Rehm, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie:
"Schon um 1.30 Uhr hatten wir den Katastrophenplan gestartet." Sowohl
der Ärztliche Direktor als auch Pflegedirektorin, Verwaltungschef und
Oberärzte waren in der Klinik. 15 OP-Schwestern standen bereit, OPs
und Intensivbetten. "Wir hatten wegen der Schwere des Unglücks mehr
Patienten erwartet."

Das Longericher Heilig-Geist-Krankenhaus nahm in der Unglücksnacht
zwei Verletzte auf, von denen einer nach ambulanter Behandlung
wieder entlassen wurde. Das zweite Opfer befindet sich mit Prellungen
noch im Krankenhaus. Die meisten Menschen konnten jedoch von
Krankenhäusern in Brühl und Umgebung medizinisch versorgt
werden. KE

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Sa2
Katastrophe in Brühl bedeutet Großeinsatz für die Kölner Retter
Bergung der Opfer ging Helfern unter die Haut

Von Daniel Taab

Sie kamen aus allen Richtungen nach Brühl: Rettungssanitäter,
Polizisten, Technisches Hilfswerk oder die DRK-Rettungshundestaffel -
allein über 300 Kräfte machten sich am frühen Sonntag von Köln aus
auf den Weg zum Unglücksort am Brühler Bahnhof.

Für die Kölner Polizei bedeutete die Katastrophe einen Großeinsatz,
denn sie leitet als übergeordnete Behörde die Geschicke bei derartigen
großen Schadensereignissen.

Für die Beamten der Spurensicherung der Kölner Polizei war es eine
kurze Nacht. Sie wurden aus dem Bett geklingelt und nach Brühl
beordert. Als die Rettungssanitäter ihre erste Arbeit getan hatten, zogen
sie am frühen Sonntagmorgen ihre weißen Overalls über und begannen
mit der Arbeit.

Insgesamt 189 Kölner Polizeibeamte waren am Sonntag in Brühl im
Einsatz. Sie waren mit Absperrmaßnahmen, Pressearbeit, Ermittlungen
oder Spurensicherung beschäftigt.

Der Malteser Hilfsdienst mit Hauptsitz in Köln war mit 60 Kräften am
Unglücksort vertreten. Die Rettungssanitäter hätten ein Elend gesehen,
"das unter die Haut ging", versichert Dr. Nobert Saupp vom Malteser
Hilfsdienst.

Noch am Unfallort mussten Amputationen vorgenommen werden.
Fahrgäste hätten schwerste Kopfverletzungen erlitten, andere
Brustquetschungen, Rippenbrüche oder Beinverletzungen. Die Retter
hatten mit "extremen Verletzungen" zu tun, die die Sanitäter wohl nie
vergessen werden.

Darum werden nicht nur die Opfer betreut, sondern auch die Retter.
Nach den Arbeiten in der Nacht und am Sonntagvormittag erhielten die
60 Rettungskräfte des Malteser Hilfsdienstes seelischen Beistand.
Pastoralpsychologe und Rettungsassistent Pater Jürgen Langer und
Diplompsychologe Rolf Bock eilten noch in der Nacht nach Brühl.

Am Sonntagnachmittag nahmen zahlreiche Helfer diese Hilfe in
Anspruch, besonders die jungen Sanitäter hätten ihr Herz ausgeschüttet.
"Das Erlebte hat viele sichtlich mitgenommen." sagt Dr. Saupp.
"Zugunglücke gehören zu den schlimmsten Einsätzen für Sanitäter."

Manche Retter hätten mit Schlaf- oder Essstörungen zu kämpfen,
würden sie nicht über das Erlebte sprechen. "Sanitäter sind keine
Helden, wie sie oft im Fernsehen dargestellt werden", sagt Dr. Saupp.

Sie müssten ihre Erfahrungen genauso verarbeiten wie jeder andere
auch, wenn er etwas Schlimmes erlebt hat. In den nächsten Tagen wird
es eine Nachbesprechung der Betroffenen mit den Psychologen geben,
um die seelische Belastung weiter abzubauen.

Oberbrandrat Peter Hartl von der Kölner Feuerwehr war kurz nach dem
Unglück am Bahnhof. Mit 20 Kollegen der Kölner Berufsfeuerwehr und
30 Männern der Freiwilligen Feuerwehr arbeitete er mit
Hydraulikpressen und Brennschneidern an dem Waggon, der quer über
den Gleisen lag.

Zeitweise wurde auch der Rettungshubschrauber "Christoph 3"
eingesetzt, um Verletzte schnellstmöglich in Krankenhäuser zu bringen.
Auch der neue Kölner Rettungsbus, eingekauft für die Koordination bei
Großereignissen, kam zum Einsatz.

Lange Zeit war unklar, wie viele Leichen sich in den Trümmern und
verkeilten Waggons befanden. Dafür wurde die
DRK-Rettungshundestaffel aus Porz angefordert, die schon beim
Erdbeben in der Türkei im Einsatz war. Auch für viele Männer des
Technischen Hilfswerks (Bezirk Köln) ist die Katastrophe von Brühl die
zweite in kurzer Zeit.

"Manche, die jetzt in Brühl arbeiten, waren auch bei den
Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Orkan in Frankreich dabei",
betonte THW-Sprecher Peter Oswald. 75 Mann des THW helfen bei der
Bergung der Waggons mit, die sich als "sehr schwierig gestaltet".

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Sa3
Nach dem Unglück Eindrücke aufarbeiten
Holger Reiprich-Meurer ist Feuerwehr-Pastor und Koordinator für die Notfallseelsorge.

Mit ihm sprach Gregor Timmer.

Frage: Feuerwehrleute und Sanitäter haben bei den Rettungsarbeiten in
Brühl schreckliche Szenen erlebt. Wer hilft nun den Helfern?

Reiprich-Meurer: Ich habe noch in der Nacht zu Sonntag
Nachsorge-Maßnahmen vorbereitet. Inzwischen haben wir eine
Telefon-Hotline für alle Rettungskräfte eingerichtet, die an dem Einsatz
beteiligt waren. Wir werden in den nächsten Tagen Gespräche
anbieten, bei denen die Helfer ihre Eindrücke und Gefühle aufarbeiten
können. Außerdem war rund um die Uhr mindestens ein
Notfall-Seelsorger vor Ort, um die psychische Belastung für die Retter im
Blick zu behalten.

Frage: Warum ist eine solche schnelle Hilfe wichtig?

Reiprich-Meurer: Die Einsatzkräfte haben eine Extremsituation erlebt.
Zur physischen Belastung kommt der psychische Stress. Die
Konfrontation mit dem Tod, verstümmelten Opfern, Schwerverletzten.
Wenn sich solche Bilder im Kopf festsetzen, kann das psychische
Schäden bis hin zur chronischen Erkrankung auslösen. Werden solche
Eindrücke nicht verarbeitet, können sie unkontrolliert immer wieder
hochkommen. Es gibt sogar Fälle, in denen Helfer nach einem solchen
Erlebnis nicht mehr in der Lage sind, ihren Dienst zu tun.

Frage: Wie sieht das Angebot der Notfallseelsorger aus?

Reiprich-Meurer: Es geht um eine strukturierte Nachsorge. Wir bieten
den Helfern an, in kleinen Gruppe über ihre Eindrücke und Gefühle zu
sprechen. Bei Bedarf können weitere Runden nach einigen Tagen, aber
auch noch nach Wochen folgen. Sollte jemand anhaltende Probleme
haben, bieten wir eine Einzelbegleitung an oder vermitteln
psychologische Hilfe.

Frage: Sie waren selbst als Feuerwehr-Seelsorger vor Ort. Wie sind die
Reaktionen der Helfer?

Reiprich-Meurer: Viele sind dankbar für das Gesprächsangebot. Es sind
viele junge Helfer von Freiwilligen Feuerwehren im Einsatz gewesen,
die ähnliche Situationen noch nie erlebt haben. Die psychische
Belastungen sind aber auch für erfahrene Helfer enorm. Einer kam nach
zwölf Stunden Einsatz völlig erschöpft zu mir und sagte: "Ich bin fertig,
ich kann keine Toten mehr sehen." In solchen Situationen muss jemand
da sein, der zuhört.

Frage: Wie groß ist Ihr Nachsorge-Team?

Reiprich-Meurer: 1996 wurde im evangelischen Stadtkirchenverband
der "kirchliche Dienst in Feuerwehr und Retungsdienst" gegründet. Im
Erftkreis gehören vier Kollegen dazu. Das ist ein eingespieltes Team,
das zahlt sich nun aus. Außerdem steht eine zehnköpfige
Nachsorge-Gruppe bei der Feuerwehr Köln zur Verfügung.

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Sonntag
Notarzt: Rettung klappte reibungslos

Brühl (dpa) - Die Bergung der Verletzten des schweren Zugunglücks von
Brühl hat nach Ansicht des Leitenden Notarztes des Erftkreises,
Heinz-Albert Brüne, reibungslos geklappt. Feuerwehrleute, Sanitäter und
Angehörige des Technischen Hilfswerks hätten erst vor etwa einem Jahr
das Verhalten nach einem Zugunglück in einer großen Übung simuliert.
Auch auf Grund dieser Erfahrungen sei die «übliche Chaos- Phase nur
sehr kurz» gewesen, sagte Brüne.

Alle Verletzten seien innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit versorgt und
in eines von 16 umliegenden Krankenhäusern transportiert worden. «Die
Retter arbeiteten Hand in Hand und ohne Hektik.» Ein Zuggast, der
extrem eingeklemmt war und deshalb als tot gegolten hatte, sei nach
mehreren Stunden doch noch lebend aus den Trümmern heraus
geschnitten worden.

Großes Lob und Dank zollte der Notarzt den Anwohnern. Sie hätten
einige der Verletzten in ihren Wohnungen versorgt. Dutzende von
äußerlich unverletzten Zuggästen waren nach den Worten von Brüne
unmittelbar nach dem Unglück mit ihren Koffern über das
Bahnhofsgelände geirrt. Das Mitnehmen von Koffern in dieser Situation
nannte der Notarzt eine «typische Schock-Reaktion».

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xxx
Zahl der Toten in Brühl auf neun erhöht

Brühl (dpa) - Nach dem schweren Bahnunglück in
Brühl bei Köln hat sich die Zahl der Todesopfer auf neun erhöht. Es sei
durchaus möglich, dass sich in dem Zugwrack noch weitere Opfer
befänden, erklärte der Einsatzleiter der Polizei, Winrich Granitzka, am
Sonntagnachmittag bei einer Pressekonferenz in Köln.

Derzeit würden die zerstörten Waggons auf der Suche nach weiteren
Opfern von den Rettungskräften auseinandergeschnitten. Bislang seien
52 schwer und schwerst verletzte Reisende geborgen worden. 48
Passagiere wurden leicht verletzt.

Granitzka betonte, dass von den 300 Reisenden im Zug noch 22
Personen vermisst würden. Nach den bisherigen Ermittlungen sei der 28
Jahre alte deutsche Lokführer zum Unglückszeitpunkt mit 120
Stundenkilometern zu schnell über eine Weiche gefahren. Wenige
Kilometer vor dem Unglücksort habe er zuvor in einem
Baustellenbereich vorschriftmäßig auf unter 40 Stundenkilometer
heruntergebremst und anschließend wieder beschleunigt. Der Mann
werde derzeit wegen eines schweren Schockzustands in einer
psychiatrischen Klinik behandelt und sei zumindest in den nächsten
Tagen nicht vernehmungsfähig.

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Die Katastrophe kam in der Nacht

Brühl (dpa) - Verbogene Eisenbahnwaggons, Tote,
Schwerverletzte und unzählige Trümmerteile: Im idyllischen Brühl bei
Köln wurde in der Nacht zum Sonntag der Horror schreckliche
Wirklichkeit. Kurz nach Mitternacht entgleiste der Nachtexpress «D 203»
von Amsterdam nach Basel in der Bahndurchfahrt. Die 80 Tonnen
schwere Lok pflügte neben dem Gleis durch die Erde und kam erst auf
der Terrasse eines Wohnhauses zum Stehen. Waggons wurden quer
über Bahnsteige gedrückt. Etwa 300 Menschen waren im Zug. Viele
wurden im Schlaf von der Katastrophe getroffen. Vermutlich sieben von
ihnen verloren an diesem frühen Sonntagmorgt.

Zur selben Zeit und nur wenige Meter entfernt herrschte im «Brauhaus
am Schloss» ausgelassene Stimmung. In den holzgetäfelten Sälen
ließen sich etwa 50 Nachtschwärmer, darunter einige Ärzte, das Bier
schmecken. «Es war ein lautes Rattern zu hören, dann war Ruhe»,
erzählt ein Kellner. Erst allmählich sei klar geworden, dass sich quasi vor
dem Haus eine Katastrophe abgespielt hatte. Reisende stürzten Hilfe
suchend in die Gaststätte. Die Ärzte sprangen auf und eilten zur Ersten
Hilfe. Wenig später heulten bereits die Sirenen der ersten
Rettungswagen.

Unter dem Wandbild einer Brühler Festgesellschaft von 1878 wurden auf
den Tischen Blutungen gestillt und erste Diagnosen gestellt. Der
leitende Notarzt Heinz-Albert Brüne sprach von einem großen Glück,
dass das Lokal als Erstversorgungsstätte genutzt werden konnte. Die
Reisenden, unter ihnen viele junge Leute aus den Niederlanden,
Frankreich, Italien und dem englischsprachigen Raum, wiesen alle
denkbaren Verletzungen auf. Kopfwunden, Brustkorbverletzungen,
offene Beinbrüche mussten versorgt werden.

Der weitläufige Park zwischen Gaststätte und Schloss Augustusburg
wurde binnen kurzer Zeit von Rettungskräften besiedelt. Bereits zehn
Minuten nach den ersten Notrufen war ein Feuerwehrteam vor Ort. Ihm
folgten mehr als 300 Kollegen, hunderte Polizisten und Beamte von
Bundesgrenzschutz und Angehörige des Technischen Hilfswerks. Zur
Suche der Opfer in der Dunkelheit eilte auch eine Hundestaffel des
Deutschen Roten Kreuzes herbei. Hubschrauber flogen Schwerverletzte
in Krankenhäuser. Den Helfern bot sich ein grausiges Bild, denn einige
Opfer waren stark verstümmelt.

Als der neue Tag in Brühl anbrach, wurde klar, dass die Anwohner an
der Bahnstrecke nur knapp einer noch größeren Katastrophe entgangen
waren. Der Nachtzug war nach dem Entgleisen an einer Baumreihe vor
Wohnhäusern entlang geschrammt. Die aus dem Schlaf gerissenen
Anwohner nahmen zahlreiche Zuginsassen, die sich selbst aus den
Waggons gerettet hatten, in ihren Wohnzimmern auf und versuchten sie
zu beruhigen. Einige Verunglückte irrten samt Gepäck durch die Stadt.
«Ich bin aus dem Fenster gesprungen und habe gleich nach meinen
Freunden gesucht», sagte ein junger Mann. Alle seien Gott sei Dank
unverletzt.

Den Unglücksort nahmen wenige Stunden nach dem Unfall auch
Bahnchef Hartmut Mehdorn und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident
Clement (SPD) in Augenschein. Sichtlich betroffen von dem Ausmaß
der Zerstörung äußerten sie ihre Trauer über die Opfer und ihr Mitgefühl
für die Angehörigen. Zugleich dankten sie den Rettungskräften und den
freiwilligen Helfern für deren Einsatz.

Mehdorn, der als neuer Bahnchef erstmals mit einem Zugunglück
konfrontiert war, kündigte eine rasche Ursachenaufklärung mit möglichen
Konsequenzen an. Die Ermittlungen konzentrierten sich jetzt vorrangig
auf die Auswertung des sichergestellten Fahrtenschreibers, den die neue
Lok der Baureihe 101 an Bord hatte. Angesichts der Zerstörungskraft
wurde die Vermutung laut, dass der Zug an dieser Stelle zu schnell
gefahren sein könnte. Für die Bahnhofsdurchfahrt gilt ein Tempolimit
von 40 km/h.

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Schwere Bahnunglücke in Europa

Hamburg (dpa) - In den vergangenen fünf Jahren hat es europaweit
mehrere Bahnunglücke mit zum Teil Dutzenden von Toten gegeben. Es
folgen die schwersten Unfälle:

24.06.1995 - In der Tschechischen Republik kommen bei einem
Zugunglück nahe Chrudim 18 Menschen ums Leben. Fünf werden
schwer verletzt. Die meisten Opfer sind Jugendliche. Ein Triebwagen
war frontal auf drei mit Schrott und Holz beladene Güterwaggons
geprallt.

31.05.1996 - Im Westen Sibiriens (Rußland) rast ein Personenzug auf
vier Güterwaggons, die sich von einem anderen Zug abgekoppelt
hatten. 32 Menschen kommen ums Leben, 45 werden verletzt.

31.03.1997 - In der Nähe von Pamplona (Spanien) entgleist ein
Intercity-Zug - vermutlich wegen überhöhter Geschwindigkeit. 18
Menschen kommen ums Leben, mehr als 100 werden verletzt. 05.05.97
- Bei einem Zugunglück in Nordpolen nahe der deutschen Grenze
sterben zwölf Menschen. Unglücksursache war offenbar eine beschädigte
Weiche.

08.09.1997 - Auf einem Bahnübergang bei Bordeaux in Frankreich stößt
ein Personenzug mit einem Tankwagen zusammen. 13 Menschen
kommen ums Leben. Der Laster hatte die geschlossene Halbschranke
durchbrochen. Durch den Aufprall gerieten Waggons in Flammen.

06.03.1998 - In Finnland sterben elf Reisende, als ihr Zug bei der Fahrt
durch den Bahnhof der Stadt Jyväskylä mit hoher Geschwindigkeit
entgleist. Zwei der Waggons stürzen um.

03.06.1998 - Mehrere Waggons des ICE 884 «Wilhelm Conrad
Röntgen» zerschellen bei Tempo 200 an einer Straßenbrücke vor dem
Bahnhof Eschede in Niedersachsen. 101 Reisende sterben, fast 90
werden verletzt. Ursache war laut Gutachten ein gebrochener Radreifen.

05.10.1999 - Bei einem der schwersten Bahnunglücke in der Geschichte
Großbritanniens kommen 31 Menschen ums Leben. Mindestens 124
werden verletzt. Ein Intercity und ein Schnellzug waren ineinander
gerast, weil der Lokführer des Schnellzugs ein rotes Haltesignal
überfahren hatte. Mehrere Waggons entgleisten und gerieten in Brand.

04.01.2000 - In Norwegen sterben 19 Menschen als ihr auf einer
eingleisigen Strecke nördlich von Oslo ein Fernzug und ein
Nahverkehrszug frontal zusammenprallen. Mehrere Waggons brennen
völlig aus. Der Führer des Regionalzugs hatte ein Haltesignal
missachtet.

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Schwere Zugunglücke in Deutschland

Hannover (dpa) - Das schlimmste Zugunglück in der
Bundesrepublik war die Katastrophe im
niedersächsischen Eschede im Sommer 1998.
Damals starben 101 Menschen in den Trümmern
eines ICE. Seitdem hat es zwar zahlreiche Zugunfälle
gegeben, jedoch verliefen die meisten für Menschen
glimpflich. Todesopfer gab es dabei nur noch
einmal, als im Februar 1999 bei eine Unfall des Intercity
Oberstdorf-Dortmund in Immenstadt im Allgäu zwei Frauen starben.

Zu den schwersten Zugunglücken in Deutschland seit 1967 zählten:

Im Juli 1967 wird in Langenweddingen bei Magdeburg ein mit 15 000
Litern Leichtbenzin gefüllter Tankwagen an einem Bahnübergang von
einem Personenzug erfasst und explodiert. Unter den 94 Toten sind
viele Kinder. Die Schranke war auf Grund menschlichen Versagens nur
zu einem Drittel geschlossen.

Im Februar 1971 entgleist in Aitrang/Schwaben der TEE «Bavaria», als
er mit 130 km/h in eine Kurve rast, für die eine Höchstgeschwindigkeit
von 80 km/h vorgeschrieben ist. 28 Menschen kommen ums Leben, 35
werden verletzt.

Im Mai 1971 stößt auf einer eingleisigen Strecke zwischen
Radevormwald und Wuppertal ein Schienenbus mit einem Güterzug
zusammen. 46 Insassen kommen ums Leben, darunter 41 Schüler.

Im Juli 1971 entgleist in Rheinweiler (Südbaden) der «Schweiz-
Express» mit überhöhter Geschwindigkeit in einer Kurve. Sieben
Waggons und die Lokomotive stürzen eine Böschung hinab und
begraben ein Einfamilienhaus unter sich. 23 Menschen werden getötet,
121 verletzt.

Im Oktober 1972 stößt bei Schweinsburg-Culten nahe Chemnitz ein D-
Zug im Nebel mit einem Schnellzug zusammen. 25 Menschen sterben,
70 werden verletzt. Ursache ist das Überfahren eines Haltesignals.

Im Juni 1975 werden bei einem Frontalzusammenstoß von zwei
Eilzügen zwischen Warngau und Schaftlach in Oberbayern 41
Menschen getötet, mehr als hundert verletzt. Als Unfallursache werden
ein Fehler im Fahrplan und falsche Zugmeldungen genannt.

Im Juni 1977 stoßen infolge einer falschen Weichenstellung nördlich
von Frankfurt/Oder ein Schnellzug und ein Güterzug frontal zusammen.
29 Menschen sterben.

Im Februar 1990 werden beim frontalen Zusammenprall zweier S-Bahn-
Nahverkehrszüge in Rüsselsheim (Hessen) 17 Menschen getötet, 90
Personen werden verletzt. Ein Signal war missachtet worden.

Am 03. Juni 1998 zerschellen mehrere Waggons des ICE 884 «Wilhelm
Conrad Röntgen» bei Tempo 200 an einer Straßenbrücke vor dem
Bahnhof Eschede. 95 Reisende, vier Zugbegleiter und zwei
Gleisarbeiter sterben. Über 80 Reisende überleben mit schweren
Verletzungen. Nur der vordere Teil des 410 Meter langen Zuges
entkommt dem Inferno. Ursache des Unglücks war nach Ansicht der
Staatsanwaltschaft ein gebrochener Radreifen.

Am 06. Februar 2000 sterben mindestens sieben Menschen im Nachtzug
D 203, der auf dem Weg von Amsterdam nach Basel nahe Köln
entgleist. Rund 50 Menschen werden nach ersten Berichten verletzt.
Mehrere Waggons waren im Bereich des Bahnhofs Brühl aus den
Gleisen gesprungen.

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 (Internet)

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Zugunglück: 60 Retter aus dem Kreis halfen
Lokführer liegt im Euskirchener Marienhospital

Von Peter W. Schmitz

Kreis Euskirchen/Brühl. Bei dem schweren Zugunglück im Bahnhof von
Brühl sind in der Nacht zum Sonntag mindestens neun Menschen ums
Leben gekommen. Der Nachtexpress von Amsterdam nach Basel mit
etwa 300 Fahrgästen aus aller Welt entgleiste kurz nach Mitternacht im
Bereich einer Baustelle.

Der Lok-Führer, der in der psychiatrischen Abteilung des Euskirchener
Marien-Hospitals liegt, fuhr nach offizieller Darstellung mit 122
Stundenkilometern auf eine nach links gestellte Weiche. Nach Angaben
von Polizeieinsatzleiter Winrich Granitzka wurden am Sonntagabend
noch 22 Menschen vermisst.

Unmittelbar vor dem Unglück passierte der D-Zug 203 nach offizieller
Darstellung eine Baustelle mit den erlaubten 40 Stundenkilometern.
Warum der 28 Jahre alte Lokführer dann im Bahnhofsbereich auf 122
Stundenkilometer beschleunigte, bevor er an die Weiche kam, war
gestern ungeklärt.

Granitzka sagte, der Lokführer werde mit schwerem Schock stationär in
Euskirchen behandelt. Dr. Steidele wollte auf Anfrage der "Rundschau"
keinerlei Angaben zum Zustand des Mannes machen. "Ich unterliege
der ärztlichen Schweigepflicht und sage kein Wort", erklärte er gestern
lediglich.

Der Lokführer habe, so Granitzka, nach ersten Angaben die Aussage
verweigert und lediglich erklärt, er habe die Weiche auf sich zurasen
sehen. Dann sei der Zug schon abgehoben.

Im Einsatz waren auch 60 Helfer aus dem Kreis Euskirchen. Sie
behandelten den Führer des Unglückszuges vor Ort aber definitiv nicht.
Das erklärte Udo Crespin, Chef der Euskirchener Rettungsleitstelle,
gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Der 28-Jährige sei auch nicht von
Euskirchener Kräften ins Marien-Hospital gefahren worden.

Gestern Abend wurde darüber spekuliert, warum der Lokführer
ausgerechnet in die Kreisstadt und nicht in näher gelegene Kliniken des
Erftkreises oder nach Köln gebracht wurde.

Zwei Varianten sind denkbar. Zum einen könnte es sein, dass die Kölner
Einsatzleitung den Mann zunächst aus der Schusslinie bringen wollte.
Möglich ist aber auch, dass der Lokführer aus der hiesigen Region
stammt.

Um 1.36 Uhr wurde jedenfalls am Sonntagmorgen auf der Euskirchener
Leitstelle Alarm ausgelöst. "Die Kollegen des Erftkreises haben uns als
Verstärkung angefordert." Sofort seien zwei Rettungswagen und ein
Notarztwagen in die Schlossstadt geschickt worden.

Wenig später seien auch zwei Einheiten der schnellen Einsatz-Gruppe
(SEG) mit 12 Rettungswagen zum Unfallort ausgerückt. Mit von der
Partie war auch die leitende Notärztin Gisela Neff. In Brühl wurden die
Euskirchener von einem Lotsen zu ihrem Einsatzort gebracht.
Gemeinsam mit Rettern aus dem Rhein-Sieg-Kreis zeichneten die
Euskirchener Retter für einen eigenen Abschnitt verantwortlich.

Vor Ort kümmerten sie sich um 13 zum Teil schwer verletzte Passagiere.
Darunter seien auch laut Crespon drei Kinder gewesen. Die Verletzten,
sie kamen vorwiegend aus Japan und den Vereinigten Staaten, wurden
nach der medizinischen Erstversorgung durch die drei Euskirchener
Notärzte und 24 Rettungsassistenten in die Krankenhäuser nach
Euskirchen, Mechernich und Schleiden gebracht.

Crespin äußerte sich im "Rundschau"-Gespräch lobend über die
Organisation am Unfallort. Dort sei mit Hochdruck und völlig konzentriert
gearbeitete worden. "Die Not schweißt zusammen."

Quelle: Kölnische Rundschau vom 8.2.2000 (Internet)
 

[06.02.2000]

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Zugunglück in Brühl

Nachtzug D 203 Amsterdam-Basel entgleist. Südlich von Köln ist der Nachtzug D 203 von
Amsterdam nach Basel entgleist. Eine nicht bekannte Zahl von Menschen wurde getötet
und weitere verletzt.

Ein Sprecher der Feuerwehr sprach von Toten, konnte aber keine genaueren Angaben machen.
Ein Bahnsprecher sagte, der Nachtzug von Amsterdam nach Basel sei kurz nach Mitternacht im
Bahnhof von Brühl (Erftkreis) entgleist. Die Lokomotive und mehrere Waggons des niederländischen
Zuges seien umgestürzt.

Quelle: 3sat Videotext vom 6.2.2000