Editorial

KW 09/2001


  Schmerzhaft...

Als Eisenbahnfotograf kann man so einiges erleben (unter Eisenbahnfotografie verstehe ich nicht nur das Fotografieren von Loks oder Zügen sondern die umfassende Dokumentation der Eisenbahn, z.B. Bauten, Strecken etc.).

Da zählen die Rufe der Fahrdienstleiterin in Satzvey: "Gehen Sie bitte aus dem Gleis" (Das Gleis ist nicht mehr befahrbar) oder die des Fdl in Bad Neuenahr: "Können Sie nicht lesen?" (Ich hatte ortsunkundig den Bahnsteig an Gleis 2 ohne Aufforderung betreten) noch zu den harmlosen Erscheinungen.

Etwas gravierender ist die Sonne, die im falschen Moment von Wolken verdeckt wird, der Film, der genau dann zu Ende ist, wenn es spannend wird, oder die Batterien, die ihren Geist exakt zu dem Zeitpunkt aufgeben, wenn der Zug kommt. Im Eifer des Gefechts ist es ebenso schon einmal vorgekommen, dass ohne Film "fotografiert" wurde.
Anstrengend sind auch die oftmals langen Wartezeiten, zum Teil in glühender Sonne, bei Regen oder Schnee oder in Eiseskälte - bei letzterer waren selbst lange Unterhose und ein zweites Paar Socken nicht ausreichend.

Ein Besuch des neuen Depots in Mayen Ost brachte mir am Abend des 1. Weihnachtstages im vergangenen Jahr eine kaputte Hose und ein nicht minder kaputtes Knie ein. Die Hose hat meine Mutter wieder perfekt hinbekommen, das Knie hat die Zeit geheilt.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass der Bahndamm Lieblingsstandort diverser dornenbewehrter Pflanzen zu sein scheint? Bei mir jedenfalls weisen Kleidung und Mensch am Ende einer Bahnwanderung regelmässig Blessuren auf.

Beim Militäranschluss in Oberdrees fing ich mir einen Dorn im Fuss ein, der später zu einer schmerzhaften Entzündung und anschliessend zu einem nicht weniger schmerzhaften Artzbesuch führte (Merke: Sandalen haben selbst im Sommer nichts an den Füssen eines Eisenbahnfotografen zu suchen! - Und wenn wir schon in besagtem Anschluss sind: Die Wahl eines Strohballenlagers als "Aussichtsturm" und Fotostandpunkt bescherte bei einem anderen Termin lädierte Beine - eine kurze Hose ist also auch bei 30 Grad im Schatten nicht angebracht).

Jüngste und wiederum blutige Erfahrung in Sachen Dornen war der heutige Besuch des Rückbau-Bahnhofs Zülpich, der mir einen Dorn im Mittelfinger der rechten Hand bescherte. Eine Operation von etwa 10 Minuten Dauer - als OP-Besteck kam eine Nadel aus dem Nähkasten und ein Blatt Küchenkrepp zum Einsatz - sorgte dann für ein Ende des Leidens...



Wenn man sich intensiver mit dem Thema Bahn beschäftigt, muss man aber oft auch schmerzhafte Erfahrungen einer anderen Art machen.

Schmerzhaft ist beispielsweise der Irrweg der Atomkraftgegner, die mit grösster Rücksichtslosigkeit Bahnstrecken beschädigen und dabei Menschenleben riskieren oder mit ihren Aktionen für millionenschwere Castor-Transporte sorgen (stünde dieses Geld doch bloss für Reaktivierungen zur Verfügung...).

Schmerzhaft ist auch das grosse Verschwinden: Hier wurde ein Güterschuppen abgerissen, dort ist Gleis x "zurückgebaut" worden (hört sich das nicht viel besser an als abreissen?),  in y wurde eine Weiche unbrauchbar gemacht und wieder woanders wurde die Strecke soundso stillgelegt.

Es ist an der Zeit, dieser Entwicklung Einhalt zu bieten! Einiges hat sich ja schon zum Positiven gewendet (z.B. die Wiedereröffnung des Abschnitts Mayen West - Kaisersesch der Eifelquerbahn). Aber Vieles ist noch zu leisten! Und das wird nur funktionieren, wenn alle an einem Strang ziehen: Fahrgäste, Verfrachter, Politiker und - Eisenbahnfreunde...

Peter Weber